Die Bhagavadgita, “der Gesang des Erhabenen”, ist eines der heiligsten Bücher im Hinduismus und das in Indien wohl am meisten gelesene Buch. Wilhelm von Humboldt bezeichnete sie als “das schönste, ja vielleicht einzig wahrhafte philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben”. Ja mehr noch: Er danke Gott, dass er ihn so lange habe leben lassen, um dieses Gedicht noch lesen zu können! Für Johann Wolfgang von Goethe war es “das Buch, das mich in meinem Leben am meisten erleuchtet hat”.

Zu diesen Geistesgrößen, welche die Bhagavadgita überaus schätzten, gehörte auch  Arthur Schopenhauer. Er hielt die Bhagavadgita für so wertvoll, dass er empfahl, sie zu übersetzen. In der Schrift “Über die Grundlage der Moral”, in welcher Schopenhauer seine auch die Tiere einbeziehende Mitleidsethik ausführlich und meiner Meinung nach sehr überzeugend begründete, zitierte er am Schluss, also gewissermaßen als Höhepunkt, aus Schlegels lateinischer Übersetzung der Bhagavadgita.

Die Mitleidsethik der Bhagavadgita ist im SECHZEHNTEN GESANG enthalten, der mit den Worten des ERHABENEN  beginnt:

“Furchtlosigkeit, Wesensreinheit, in Wissensandacht Festigkeit,
Spenden, Selbstbezähmung, Opfer, Studium, Buße und Redlichkeit;

Nichtschäd´gen, Wahrheit, Nichtzürnen, Nichtverleumden, Friede, Verzicht,
Mitleid mit den Wesen, Scham, Nichtbegier, Nicht-Unstetigsein;

Kraft, Reinheit, Festigkeit, Geduld, Nichtkränken, nicht hochmüt´ger Sinn,
Die finden sich bei einem, der zum Götterlos geboren ist.”

“Mitleid mit den Wesen”, heißt es oben in der Übersetzung der Bhagavadgita aus dem Sanskrit von Leopold von Schroeder. Bei einem Vergleich mit der oft empfohlenen Übersetzung von Richard Garbe fand ich einen sehr ähnlichen Text. Auch hier war das Mitleid auf alle Wesen bezogen, also Tiere eingeschlossen. Hingegen heißt es in der Übersetzung von Robert Boxberger, die durch Helmuth von Glasenapp neu bearbeitet und bei Reclam veröffentlicht wurde, nicht “Mitleid mit den Wesen”, sondern “Menschenliebe”. Diese ganz andere Wortwahl ist auch im Hinblick auf Tierethik durchaus erheblich und bezeichnend!

In der von S. Radhakrishnan mit Einleitung und Kommentar herausgegebenen Bhagavadgita heißt es an der betreffenden Stelle, welche die Überschrift DIE GOTTGLEICHEN trägt, “Mitleid mit den Geschöpfen“. Die hierzu zitierten Sanskritwörter bestätigen, soweit ich feststellen konnte, eindeutig, dass sich die Mitleidsethik der Bhagavadgita nicht auf Menschen beschränkt. Boxbergers Übersetzung beruht vermutlich auf einer  anthropozentrischen Einstellung des Übersetzers, die zwar im Abendland üblich, aber im alten Indien durchaus nicht selbstverständlich war.

Die altindischen Lehren, die in der Bhagavadgita so wunderbar zum Ausdruck kommen, enthalten nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier, wie er für die heute im Abendland vorherrschenden Religionen charakteristisch ist. Gerade hinsichtlich Tierethik stehen diese Religionen im Gegensatz zur Bhagavadgita und ihrer Mitleidsethik. Jedenfalls konnte ich bisher weder in der Bibel noch im Koran irgendetwas entdecken, das auf Mitleid mit Tieren hindeutet.

In diesem Zusammenhang fällt mir wieder Schopenhauer ein, der von einem christlichen Prediger berichtete, den ein Tierschutzverein aufgefordert hätte, eine Predigt gegen die Tierquälerei zu halten. Dieser habe erwidert, dass er die Predigt beim besten Willen nicht halten könne, weil ihm die Religion, also das Christentum, keinen Anhalt  gebe. Schopenhauer fügte dem hinzu: “Der Mann war ehrlich und hatte Recht”. Demgegenüber lobte Arthur Schopenhauer den “Brahmanisten” oder “Buddhaisten”, der “nicht etwa ein te Deum plärrt, sondern auf den Markt geht und Vögel kauft, um vor dem Stadttore ihre Käfige zu öffnen”. Die “Brahmanisten”, wie Schopenhauer die Hindus nannte, handeln damit ganz im Geiste der Mitleidsethik ihres heiligen Buches, der Bhagavadgita.

Es ist nicht allein die Tierethik, die mein Interesse für die Bhagavadgita hervorrief. Vor einigen Jahren las ich von Mahatma Gandhi, der aus tiefster Lebenserfahrung schrieb:

In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse ... Wenn ich, verlassen, keinen Lebensstrahl erblicke, greife ich zur Bhagavadgita. Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne alsbald zu lächeln  inmitten aller niederschmetternden Tragödien ...
hb

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